Angepinnt Auf Nummer Sicher gehen mit der ärztlichen Zweitmeinung

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    • Auf Nummer Sicher gehen mit der ärztlichen Zweitmeinung

      Viele Betroffene wissen nicht, dass man sich eine Zweitmeinung bei einem unabhängigen Arzt bzw. Krankenhaus einholen kann. Doch auch bei bereits bekannten Diagnosen kann diese Zweitmeinung durchaus sehr sinnvoll sein. Weshalb, erfahren Sie in diesem Bericht.


      Gleich nach meiner Geburt am 15. September 1965 musste ich wegen einer unbekannten Augenerkrankung für 6 Wochen in die Kinderklinik. Eine Augenklinik gab es damals in unserer Umgebung noch nicht. In den darauffolgenden Jahren bin ich ständig über irgendwelche Hindernisse gestolpert. Unser damaliger Hausarzt sagte immer zu meinen Eltern: „Das wächst sich aus“.




      Bei der Einschulungsuntersuchung bin ich dann durch den Sehtest gefallen und musste zum Augenarzt, der mir dann meine erste Brille verschrieb. Im Alter von 16 Jahren bekam ich von meinem Augenarzt die Diagnose „Glaukom“ – genau genommen war das keine Diagnose. Mit Hilfe meines Fachwissens, das ich mir den letzten 36 Jahren angeeignet habe, sehe ich das heute mit ganz anderen Augen. Zu einer richtigen Glaukomdiagnose sind noch viele weitere Faktoren erforderlich als nur der Augeninnendruck!

      Im Laufe der letzten 36 Jahre habe ich insgesamt 30 Glaukom-, Katarakt und Laseroperationen über mich ergehen lassen. Eine Klinik hat die Diagnose der anderen bestätigt (darunter auch bekannte Glaukomspezialisten) – was sollte also hier nicht stimmen?


      Das Gesichtsfeld hatte sich in den letzten 24 Monaten rapide verschlechtert, die Blendempfindlichkeit ist gestiegen und ich konnte nur noch mittels einer Kantenfilterüberbrille (reduziert Blendwirkungen und Streulicht, verstärkt Kontraste) nach draußen gehen. Die Ärzte meiner Augenklinik schoben dieses auf einen regeneratorischen Nachstar (wiederkehrender Nachstar). Die Erklärung für das Gesichtsfeld war noch lachhafter, der Professor sagte nur, „Ihr Gesichtsfeld passt nicht zu einem Glaukom“ – das könnte am ehesten ein Perfusionsschaden sein, also eine Durchblutungssache. Ich sollte mir aus der Apotheke hochdosiertes Magnesium und Ginko Biloba-Tropfen holen und dann würde das schon gehen…

      In den letzten Monaten bemerkte ich dann visuelle Auffälligkeiten, die absolut nicht zu einem Glaukom passten. Ständig wiederkehrende schmerzhafte Regenbogenhautentzündungen, große Probleme bei trübem Wetter und Dunkelheit, starke Blendempfindlichkeit.

      Beim Mobilitätstraining mit dem Blindenlangstock im November 2015 habe ich mich dann beim Dunkeltraining trotz Navigation komplett verlaufen und musste meine Trainerin über Handy anrufen, damit sie mir hilft. Wir hatten beide keine Erklärung für dieses Phänomen.

      Anfang Mai dieses Jahres fiel mir auf, dass ich die Wassertropfen vom Rasensprenger links nicht mehr richtig sah. In der Mitte fehlte ein Teil – rechts war alles sichtbar. Ich sprach über diese Erscheinung mit meiner Augenärztin und sie war der Meinung, dass man irgend­etwas übersehen haben musste, zumal sie das Auge nicht mit einem Brillenglas korrigieren konnte.

      Am 11. Juli fuhr ich dann mit der Bahn nach Neubrandenburg zu Professor Helmut Höh, um mir einen neuartigen XEN-Stent einsetzen zu lassen. Ich hatte Professor Höh beim Aktionstag AUGE im April dieses Jahres in Stuttgart kennengelernt. Sein Vortrag über diese neuen Stents war sehr informativ und ich sprach ihn auf meine Probleme an.



      Zweitmeinung im Dietrich Bonhoeffer Klinikum Neubrandenburg




      Nach den ersten Untersuchungen zeichnete sich ab, das für das massiv beeinträchtigte Gesichtsfeld eine bislang unbekannte Ursache verantwortlich sein musste.

      Bei der computergesteuerten Gesichtsfelduntersuchung lag ein beidseitiger, fast kompletter Gesichtsfeldausfall vor. Daraufhin schauten sich die Ärzte das Gesichtsfeld noch etwas genauer im manuellen Goldmann Kugelperimeter an – und da ergaben sich dann erste wichtige Hinweise für die Mediziner. Beidseits konzentrisch eingeschränktes Gesichtsfeld, rechts bis 10 Grad und links bis 5 Grad.


      Es wurden viele Untersuchungen der Netzhaut gemacht. Bei der Chefarztvisite durch Professor Höh war ich dann wirklich überrascht. In dieser Klinik nimmt der Chefarzt sich die Zeit und untersucht noch selbst und schaut nicht nur - wie ich es in anderen Kliniken erlebte - 30 Sekunden auf das Auge und das war's dann!

      Er führte dann eine Gonioskopie (Kammerwinkelspiegelung) durch. Sein überraschender Befund: „Sie haben keinen Glaukom- und Nervenfaserschaden!”

      Ich fühlte mich als hätte mir jemand den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Sie müssen noch 3 Tage bleiben und dann wissen wir, was sie haben. Jetzt wurde eine Differenzialdiagnostik (VEP, mfERG und ein Kontrastmittel gestütztes MRT des Schädels/Augenhöhle) gemacht, um weitere Erkrankungen wie MS und einen evtl. Tumor hinter dem Auge auszuschließen.


      Das Ergebnis kann man fast nicht glauben. Es handelt sich um eine wiederkehrende einseitige Iritis (Regenbogenhautentzündung, auch Uveitis anterior genannt) mit anfallsweiser Augendrucksteigerung, verschwommenem Sehen, Auftreten farbiger Ringe. Der medizinische Fachbegriff hierfür lautet Posner-Schlossman-Syndrom (PSS). Es ist ein Sekundärglaukom im Rahmen eines Glaukoms, dessen Verlauf gutartig ist.


      Dies war nur die Spitze des Eisbergs, wie sich wenig später gezeigt hat. Für die anderen Sehprobleme erwies sich etwas nicht Alltägliches als Krankheitsursache.

      Nach Auswertung aller Untersuchungsergebnisse stand die Diagnose fest. Es handelt sich um eine sehr seltene angeborene Stäbchen-Zapfen-Dystrophie sowie eine epiretinale Gliose am linken Auge. Die Untersuchungsergebnisse sind noch nicht aussagekräftig genug, um eine Prognose abzugeben, in welche Richtung das geht. Für das klinische Bild einer Retinopathia Pigmentosa (RP) ist das klinische Bild nicht ganz typisch.


      Fazit: Der ständige Operationsstress 2 bis 4 Mal im Jahr gehört nun der Vergangenheit an. Einmal jährlich steht eine elektrophysiologische Kontrolle an einem Zentrum für seltene Netzhauterkrankungen an und natürlich regelmäßige Augenarztkontrollen.


      Eine Therapie gibt es nicht, außer dass man vergrößernde Sehhilfen oder Kantenfilter zur Kontraststeigerung verordnen kann. Ich bin froh, dass ich mich zur Einholung einer Zweitmeinung entschlossen habe und kann jetzt um einiges ruhiger leben – trotz dieser neuen, Diagnose, die zu erkennen es über 50 Jahre bedurfte.


      Meine ganze Geschichte finden Sie im Internet unter www.glaukomweb.de



      Lars-Michael Kahl
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